24.01.2021

Die Farbe Grau existiert für mich nicht, ich seh nur schwarz oder weiss

Und trotzdem. Gelebt habe ich mein Leben lang in einer Grauzone.

Russland, 1992: Ich wuchs in einem schillernden Mikrokosmos inmitten der Russischen Gesellschaft auf – der farbenfrohen Parallelwelt des Volkstheaters. Aufgezogen von meiner Grossmutter, einer ehemaligen Komponistin, schien mein Zukunftsweg als Darsteller mit dem Besuch der Theaterschule geebnet. Doch auch als mich meine leiblichen Eltern mit 13 Jahren aus Russland mitnahmen und mir dieser Weg verschlossen blieb - das Theater habe ich nie verlassen. Nur war es nun mein eigenes Leben, das zu meiner Bühne geworden war.

Müsste ich mich drei Wörtern beschreiben, dann wären es die Folgenden: exzentrisch, stark - nicht aber selbstbewusst. Das letzte Adjektiv scheint möglicherweise aus dem Kontext gerissen, aber das ist es nicht. Mir hat in meinem bisherigen Leben eine gerade Linie oder ausgewogene Mitte gefehlt, aus der sich irgendeine Form von Selbstbewusstsein hätte herausbilden können. Ich war gezwungen zwölf mal umzuziehen, habe in zig Ländern gelebt. Mit jeder neu erlernten Sprache stolperte ich ahnungslos in einen Lebensabschnitt und mit jedem neuen Lebensabschnitt, entwickelte sich wie aus dem Nichts eine neue Persönlichkeit aus mir heraus. Vom Tellerwäscher in Paris bis  zum Fotomodel in Mailand. Oder meinen sieben Jahren beim Schweizer Militär, zwei davon als Kompagnie-Kommandant. Keine meiner eingenommenen Rollen, war der anderen gleich. Und doch spielte ich sie mit Inbrunst und Überzeugung.

Bis zum heutigen Tage spreche ich sechs Sprachen, was bedeutet, dass ich sechs verschiedene Personas aus vergangenen Tagen mit mir herumtrage. Derzeit befinde ich mich in meinem siebten Lebensabschnitt, hier als Geschichtsstudent an der Uni Zürich. Daneben arbeite ich als Marketingleiter für einen Zirkus, am Wochenende als DJ. Was ich jetzt will, ist Stabilität und Wissen darüber haben, wer ich bin. Ich bin derweil in einem Prozess, der diese sechs Gesichter zusammenschweisst und versuche die losen Puzzle-Teile, die man wohl als die Bruchteile meines bisherigen Lebens bezeichnen kann, zu meinem Gesamtbild zu vervollständigen.

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