17.09.2021

Mein handwerkliches „Coming-Out“ erwies sich als schwierig. Wenn auch unbegründet

Theater, Oper? Nenn mir ein Stück, ich bin dabei. Wie die Motte das normale Licht, so liebe ich das Scheinwerferlicht. Wenn auch aus Auge der Betrachterin und mit besonderem Augenmerk auf das Kostüm, das besagte Motte trägt: je bunter, üppiger und glitzernder, desto besser. Auch der Grund, weshalb ich es mag mich in Kostümfilmen zu verlieren. Ich kann problemlos das zwanzigste Mal Marie Antoinette (alias Kirsten) dabei zusehen, wie sie durch die weiten Gärten von Versaille wandert, trotzdem wird mir ein schneiderisches Detail auffallen, das mir die letzten 19 Mal verborgen blieb. 

Von Kindesbeinen an häkle, säume oder sticke ich, meine Maturarbeit fiel in Form eines historischen Kostüms aus. Nach dem Gymi ging ich aber an die Uni, weil man nach dem Gymi eben an die Uni geht. Als mir meine Mutter irgendwann, inmitten meines Studiums, von einer Schule erzählte, welche die Schneiderei lehrte, zögerte ich nicht lange. Ich bewarb mich, wurde angenommen, unterschrieb drei Wochen darauf den Lehrvertrag und sagte der Uni Lebewohl.

Mit dem Entscheid selbst habe ich nicht lange gewartet - hinsichtlich dessen Bekanntgabe aber schon. Es fiel mir schwer darüber zu reden, auch mit Menschen in unmittelbarstem Umfeld. Weg von der akademischen Laufbahn, hin zum handwerklichen Beruf: Ich wurde das Gefühl nicht los, gegen eine gegebene Ordnung verstossen zu haben. Als ich dann kleinlaut damit begann, meinen Kreis in das von mir getroffene neues Vorhaben einzuweihen, fiel weder ein blöder Spruch, noch wurde mit Kopfschütteln oder Fassungslosigkeit darauf reagiert. Mein Beschluss wurde als eine natürliche Schlussfolgerung verstanden, den ich nach den meisten eigentlich viel früher hätte treffen müssen.

Nun guck ich mir Kostümfilme nicht nur an, sondern schneidere sozusagen an meinem eigen. Und so wie du vielleicht die Anwältin, den Wirtschaftsprüfer oder den Arzt kennst, so kennt mich mein Freundeskreis jetzt eben als die Hutmacherin.»

 

  • Christa, Modeco

 

#studentlife #memories #flashback #zentrum #zurichlife #unileben #zurich #schweiz #student #abschluss #bestmemories #erfahrung #hutmacher #kostümwelt #change

Location

Zürich

Weitere Stories