03. Juni 2018

Ich habe nie verstanden, was meinen Vater Mitte 20 dazu bewegen konnte, alles aufzugeben und der DDR den Rücken zu kehren. Zu mindestens so lange nicht, bis mich in Kuba ein Mann mittleren Alters um einen Kugelschreiber bat ...

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Der Mann war ein Armband-Verkäufer. Nachdem ich eines ersteigert hatte, fragte er mich leise, ob ich einen Kugelschreiber bei mir trüge und falls ja, ob er ihn vielleicht haben dürfte. Dieser würde seinen Kindern helfen, in der Schule besser mitschreiben zu können. Als ich ihm dann einen Kugelschreiber in die Hand drückte, war sein Lächeln so breit, als hätte ich ihm gerade das schönste Geschenk der Welt gemacht - und meine eigene Welt hatte sich komplett auf den Kopf gestellt.

Sozialismus kenne ich aus Lehrbüchern oder dem Unterricht. Mein Vater hingegen hatte in ihm gelebt und ihn schliesslich auch dazu bewegt, aus der DDR zu fliehen. Unsere Beziehung war nie brüchig, dennoch oft von Kontroversen und einer gewissen Distanz durchzogen. Ihm missfiel meine “westliche Materialfixierung”, ich hingegen verstand seine Genügsamkeit nie. Vor allem in meinen Teenage-Jahren, waren diese Gegensätze enorm ausgeprägt. Die Begegnung mit dem Armband-Verkäufer und dessen bodenlose Freude über diesen einen Kugelschreiber - ein für mich völlig selbstverständlicher Gegenstand - drehte meine Sichtweise und ich begann Dinge nachzuvollziehen. Heute bewundere ich meinen Vater enorm für den Mut, den er aufbrachte, sein altes Leben aufgrund des damaligen politischen Systems aufzugeben. Ich sehe Freuden in den kleineren Dingen, ausserdem schätze ich unsere demokratische Schweiz mehr als je zuvor. Und nicht zuletzt liess sich auch die immer subtil dagewesene Distanz in unserer Beziehung abbauen.