12. März 2020

Als vor ein paar Jahren Trumps „Make America Great Again“ aufkam, fand ich grosse Freude an der Gegenbewegung „Make America Gay Again“ ...

Sende ein Geschenk!

Ich bestellte mir eine Mütze, die mit letzterem Schriftzug versehen war und fühlte mich gut dabei. Mehr als die Hälfte des Gewinns wurde an eine LGBTQ+-Community gespendet und ausserdem war es für mich eine Art symbolischer Mittelfinger, welcher ich all jenen zeigen konnte, die sich so dermassen über gleichgeschlechtliche Liebe aufregten. Ich war damals etwa 18 Jahre alt und wusste es vielleicht auch einfach nicht besser. Ich präsentierte die Mütze stolz meiner Mutter, hatte ein breites Grinsen im Gesicht und hoffte auf etwas Positives. Sie schaute mich aber nur abschätzig an und, oh mann, diesen Blick werde ich nie vergessen. Dieser Blick dauerte eine gefühlte Ewigkeit und dann meinte sie: „Was soll das? Lass Amerika Amerika sein. Was kannst du als Einzelperson schon tun? Hat doch sowieso keinen Sinn.“ Es ist so völlig banal, aber irgendetwas zerbrach damals in mir. Ich war jung, voller Hoffnung, der Meinung ich sei unbesiegbar. Ich wollte nie so enden wie mein Vater, der sich abends resigniert auf den Sessel setzt und sich dann mit irgendwelchen Fernsehsendungen zudröhnt. Ich wollte etwas bewirken, wollte die Welt verbessern. Ich wollte genau die Veränderung sein, von der alle redeten.

Ich hoffe nicht, dass mir meine Mutter mit dieser Aussage komplett den Mut genommen hat etwas zu bewirken, aber je älter ich werde, desto mehr verstehe ich es. Es ist so viel einfacher jeden Tag aufzustehen, sich der Routine fügen und dann abends wieder schlafen zu gehen. Es ist so verdammt einfach den Kopf auszuschalten und sich dem System zu beugen. So habe ich mich das ganze letzte Jahr gefühlt. Warum soll sich etwas ändern? Ist doch schon okay, so wie es ist. Könnte besser sein, aber na ja. Flüchtlingskrise? AHV-Krise? Stellenabbau? Klimawandel? Armut? Betrifft mich alles nicht.

Seit geraumer Zeit bin ich aber von diesem traumlosen Schlaf aufgewacht und ich bin wütend. Ich bin wütend, weil dieses System so verdammt ungerecht ist. Weil alle reden, aber nie jemand irgendetwas macht. Wir sind so völlig blind und gefühlskalt, dass wenn jemand sagt: „Guck mal, da gab es schon wieder einen Terroranschlag und schon wieder sind Menschen gestorben“, dann können wir nichts ausser als mit den Schultern zu zucken. Dann fühlen wir nichts und machen noch weniger. Vielleicht posten wir ein Bild auf Facebook mit #prayfor___, nur um unser Gewissen zu beruhigen.

Es klingt, als würde ich mich klar von all dem distanzieren, als wäre ich besser als all die, dabei bin ich doch genau gleich und ich glaube, nein, mittlerweile weiss ich, dass das mich sogar noch wütender macht.