16. April 2020

Nicht nur der Virus macht uns krank: Wir Ärzte und Ärztinnen sehen kaum etwas von dem, was die Mainstreampresse als Realität beschreibt ...

Sende ein Geschenk!

In grösster Euphorie wird in den Medien konstant mit irgendwelchen Zahlen wild um sich geschmissen. Von der allgemein explodierten Infektionsrate, dann einer saftigen Prozentangabe der Neuinfektionen, wohlwollend abgerundet mit der allgemeinen Sterberate und wenn es der Platz hergibt, warum nicht hier und dort noch ein paar besorgniserregende Nümmerchen. Sieht ja gut aus, Statistiken verleihen dem Artikel den notwendigen wissenschaftlichen Touch, dem die Gesellschaft trauen möchte. Et voila, fertig ist das wirkungsvolle, massenverängstigende Quantitätsprodukt.

Woher stammen die Zahlen, wie wurde gemessen, in welchem Kontext hat man die angemachten Angaben zu verstehen[1]? Vor allem - was ist mit der Repräsentativität der Stichprobe? Wir Ärzte und Ärztinnen haben uns anfangs nur erstaunt die Augen gerieben – mittlerweile schaut sich ein Grossteil von uns die Artikel schon gar nicht mehr an. Die Realität, über welche die Presse schreibt, unterscheidet sich immens von derjenigen, die wir hier jeden Tag im Krankenhaus erleben. Man nehme nur die anfänglichen Zahlen vom Robert Koch Institut (RKI): hier wurden für lange Zeit Fallzahlen von Infizierten publik gemacht, ohne sie in ein Verhältnis zu den durchgeführten Tests zu setzen[2]. Das Ergebnis? Bodenlose Panik. Die Folge: Grundrechtseinschränkende Massnahmen. Fast ein bisschen zu schnell und fast ein bisschen zu einfach durchgezogen. Sind die Massnahmen gänzlich gerechtfertigt? Ich kann für den Grossteil der mir bekannten Ärzte sprechen, wenn ich hier Nein sage. Solche Stimmen hört man aus den unterschiedlichsten Fachkreisen heraus, mit Persönlichkeiten, die im eigenen Namen öffentlich dazu stehen können – nicht so wie ich[3].

Welche Realität wir sehen? Zum Beispiel schlecht gelaunte Chirurgen und Chirurginnen, die missmutig und ohne Arbeit durch die leer gefegten Gänge unseres Krankenhauses streifen. Wir sehen die ganzen Fälle von Notfallpatienten, die einen notwendigen Besuch im Krankenhaus aufgrund ihrer schwerwiegenden Leiden viel zu lange herauszögern, weil sie Angst haben, sich am Virus zu infizieren. Wir sehen die leeren Intensivstationen, neben dran die leeren Operationssäle. Die vorhergesagte Welle trat nie ein – jetzt bangt so manch ein Krankenhaus um seine Existenz[4]. Und natürlich sehen wir dann die am Coronavirus Erkrankten. Sie liegen in den Betten, zu Tode verängstigt, mit dem Gefühl gleich einen qualvollen Tod zu sterben – und zwar mutterseelenallein.

Wir sollten unser Personal vielleicht nach Italien schicken, den Mund halten und dankbar sein, dass es uns hier so gut geht? Ein ziemlich wesentlicher Faktor, weshalb Italien (oder Spanien bzw. Griechenland) sich überhaupt erst in einer solch einer misslichen Lage befindet, wird bei der Berichterstattung auch weitgehend ausgelassen, vermutlich, weil er dem europäischen Geist nicht so bekömmlich ist. Wir reden hier von der Folge der auferlegten Sparmassnahmen der Europäischen Zentralbank im Jahr 2011: die Zahl der Krankenhäuser ist Italien um 15 Prozent gesunken und das öffentliche Gesundheitssystem wurde zu grossen Teilen privatisiert[5]. Die Bankenrettung nach dem Finanzcrash 2007/2008 ist hier das unbedeutend kleine Stichwort. Aber eben, lieber ein paar hübsche Zahlen, keine Hintergrundinfo, dafür noch ein aussagekräftiges Bild davon, wie das italienische Militär seine Toten herumscheffelt. Die Politik soll jetzt im Heldenlicht erscheinen, nicht als ein verschlimmernder Faktor der Lage.

Wenn sich der Bund schon für solch einschneidende Massnahmen entschieden hat, warum koordiniert er dann nicht ein bisschen mehr, was die Mainstreampresse im Zusammenhang mit dem Coronavirus zu veröffentlichen hat? Weil das eine Einschränkung der Medien- und Pressefreiheit wäre, schreien jetzt die einen. Ich rede aber von Koordination! Weil haben die Medien nicht gleichzeitig auch im Auftrag der Öffentlichkeit zu handeln, sind zur wahrheitsgemässen Berichterstattung angehalten und unterliegen vor allem Sorgfaltspflichten hinsichtlich Fakten- und Quellenprüfung? Hier wird gerade nicht sehr viel geleistet – vor allem was eine kritische Hinterfragung anbelangt, da wird versagt. Und für euch, die trotzdem munter weiter mit der Verletzung der Grundrechte argumentieren, die Persönlichen Freiheit oder jene der Wirtschaftsfreiheit werden derzeit ja wohl auch ein bisschen tangiert.

Ich rede den Virus nicht klein, er ist da und ja, Leute sterben. Aber die Angst, die man gerade unbeschwert verbreitet, wird nach dem Aufheben der Massnahmen am 26. April nicht einfach fröhlich von dannen ziehen. Bitte, benützt einfach euren gesunden Menschenverstand und hinterfragt das Gelesene! Die Folgen dieser Angstmacherei werden für unsere mentale bzw. körperliche Gesundheit gravierend sein – vom wirtschaftlichen Aspekt fangen wir gar nicht erst an zu reden. Wenn der Bund hier keinen Einhalt gebietet, dann hat er sich über die Konsequenzen nicht wirklich zu wundern. Und ich bezweifle, dass er sich wundern wird.

 

[1] NDR. (27.03.2020). Warum sich Corona-Fallzahlen so stark unterscheiden. https://www.ndr.de/nachrichten/info/Corona-Fallzahlen-Warum-unterscheiden-sie-sich-so-stark,coronafallzahlen100.html

[2] Bröckers, M. (31.03.2020). Zahlenkonfetti: Die desolate Datenbasis der Corona-Prognosen. kenfm - https://kenfm.de/tagesdosis-31-3-2020-zahlenkonfetti-die-desolate-datenbasis-der-corona-prognosen/

[3] Bernert, J. (2020). Expertenstimmen zur Corona-Krise. kenfm -  https://kenfm.de/expertenstimmen-zur-corona-krise/

[4] NZZ. (08.04.2020). Wegen Corona droht manchem Spital das Aus. https://www.nzz.ch/schweiz/wegen-corona-droht-manchem-spital-das-aus-ld.1550770

[5] derFreitag. (18.03.2020). Austerität ist tödlich. https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/austeritaet-ist-toedlich