29. Mai 2020

2011 hatte ich einen Herzstillstand. Ich wurde fast 9 Minuten lang reanimiert und lag anschliessend mehrere Tage im Koma ...

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Im Verlauf des nächsten halben Jahres war ich für mehrere Wochen in der Reha und oft zuhause, weil ich die vom Herzstillstand verursachten Hirnschäden wiederaufarbeiten musste. Ich war 16 Jahre alt, konnte aber nur noch ungut gehen oder reden. Selbst die alltäglichsten und normalsten Denkprozesse waren schwer für mich.

Während dieser Rehabilitationszeit wurde ich wenig oder gar nicht von meiner Kantonsschule unterstützt. Statt Einfühlvermögen oder Verständnis zu zeigen, wie man es normalerweise von einer Schule erwarten würde, musste ich bei den damaligen Autoritätspersonen dafür kämpfen, um Zugang zu dem verpassten Schulstoff zu bekommen. Das Nacharbeiten der Lektionen ohne die Powerpoints meiner Lehrer oder den Notizen meiner MitschülerInnen war mühsam und schwer. Es gab Tage, da konnte ich noch nicht einmal vom Bett aufstehen und war zu kraftlos, ein lausiges Joghurt fertig zu essen. Dennoch musste ich mich immer wieder beim Lehrpersonal rechtfertigen, weshalb ich wieder Zuhause geblieben war. Es eskalierte sogar so sehr, dass ich mir Vorwürfe wie “du schwänzt nur” oder “du bist Medikamenten abhängig” anhören musste. Mir wurde klar, dass ich mit keiner Unterstützung rechnen konnte. Es gab niemanden ausserhalb meines Familienkreises, der/die auch nur annähernd hätte begreifen können, was ich gerade durchmachte.

Folglich musste ich mir damals den ganzen Lernstoff selbst erarbeiten, ohne auf digitale Strukturen zurückgreifen zu können, wie sie uns jetzt zu Corona Zeiten angeboten werden. Ich finde es klasse, wie die Uni auf HomeOffice umgeschalten hat und allen Studierenden das Material online zur Verfügung stellt. Ich denke, das sollte weiterhin erarbeitet und verfeinert werden, denn es gibt viele Studierende, die gesundheitlich limitiert sind und nur so mithalten können. Es braucht Strukturen, die Menschen mit reduzierter Mobilität oder Gesundheit unterstützen, nicht diskriminieren. Es ist nur eine Frage der Zugänglichkeit und Chancengleichheit.